Kurzstrecken

Als solche lassen sich wohl die meisten von mir zurückgelegten Wege innerhalb meines Heimatstädtchens klassifizieren. Dennoch ist anstelle der eigenen zwei Füße meistens ein blauer Fiesta mein bevorzugtes Fortbewegungsmittel (Wer an dieser Stelle sofort an Klimawandel denkt, bei dem hat das Ausmaß der medialen Konditionierung schon ein erschreckendes Ausmaß angenommen). Dies hat neben der gemeinen Bequemlichkeit und dem notorischen Zuspätdransein noch einen weiteren, nicht so offensichtlichen Grund: Die Tücken der Reizvielfalt des Alltags.

Heute zum Beispiel. Da wollte ich nach meinem Spanischseminar nur noch eben Geld auf mein Konto einzahlen (ja, einzahlen), denn mit Bargeld gehe ich leider allzu gerne, nun, verschwenderisch um. Randnotiz: Beinahe hätte ich vorm Eingang eine Bekannte übersehen, da ich in der Regel niemanden wahrnehme, wenn nicht durch wildes Gestikulieren oder lautes Rufen meine Aufmerksamkeit erregt wird. Saß man im Auto kann man dann immer sagen: „Sorry, hab wohl auf den Verkehr geachtet und dich deshalb nicht gesehen.“ Klingt zwar latent spießig, aber immer noch besser (und plausibler) als „Ich sehe generell niemanden“, was bestenfalls Tagträumerei, schlimmstenfalls massive geistige Verwirrtheit oder gar mutwillige Ignoranz vermuten lässt.

Nachdem ich also diesmal gerade eben die Kurve gekriegt und anschließend brav mein schwer verdientes Geld der charmanten Sparkassen-Auszubildenden anvertraut hatte, erinnerte mich beim Verlassen des Geldinstituts das Aufblitzen des signalfarbenen Orange im Augenwinkel daran, dass ich ja noch ein paar – geplante – DVD-Käufe im hiesigen Drogeriemarkt tätigen wollte. Es kam es wie es kommen musste und als ich den Laden wieder verließ, war der Bargeldbestand in meinem Portemonnaie, der eigentlich für das mehr als dringende Aufstocken von Lebensmittelvorräten gedacht war auf eine jämmerliche Summe zusammengeschrumpft.

Ein paar frische Brötchen vom Bäcker, bei dem ich eh viel zu selten einkaufe, ließ das Budget allerdings noch zu, denn das Frühstück war wie üblich dem bereits angesprochenen minder erfolgreichen Zeitmanagement zum Opfer gefallen. Die prall gefüllte Tüte in der Hand und den Duft von Frischgebackenem noch in der Nase, trugen mich meine Füße in erhöhtem Tempo Richtung Wohnung, doch bereits nach wenigen Metern erstickte die Auslage der Buchhandlung meine neu gewonnene Zielstrebigkeit jäh im Keim.

Hier fiel mir nämlich der Text ein, den ich gestern Abend gelesen hatte, woraufhin ich beschloss mir endlich mal dieses Buch zu bestellen, dass schon seit geraumer Zeit in meinem Amazon-Einkaufswagen lag. Aber wieso warten? „Vielleicht haben die das ja hier“, dachte ich mir und betrat den Laden. Natürlich wurde ich auch promt fündig und es ging ans Eingemachtezahlte. KATSCHING, „Wollen Sie ’ne Tüte?“ Wieder an der frischen Luft, ärgerte ich mich alibihaft über meine abermaligen Spontankäufe und beschloss ohne weitere Irrungen den Heimweg zu bestreiten. Kurz vor der Haustür die Erkenntnis: Damn! Ich war ja mit dem Auto unterwegs…

Also den ganzen Weg zurück zur verbeulten Karre, die mich auch schon mit einem unschuldig weißen Papier am Scheibenwischer erwartete. Ich wusste gar nicht das James Bond neuerdings Strafzettel verteilt. In der Geborgenheit meiner Tiefgarage beschlich mich schließlich der Gedanke, dass es vielleicht doch an der Zeit wäre, mein altes Fahrrad zur Reparatur zu bringen. Oder mir am Sonntag auf dem Flohmarkt direkt einen „neuen“ Drahtesel zu suchen. Ob der dann wohl in meinen Kofferraum passt?

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