Überläufer

Heute nach der Arbeit wollte ich zwecks Suche einer eigentlich vergriffenen DVD einen kurzen Abstecher im großen roten Elektronikfachmarkt machen. Nun lässt die Infrastruktur einer Stadt mit etwa 45.000 Einwohnern zwar keine besonders große Auswahl an möglichen Routen zum gewünschten Ziel, jedoch einige Abkürzungen und semilegale Alternativen gibt es wohl. Und dank jahrelanger Erfahrung im mobilen Zeitschriftenzustellgewerbe kenne ich sie alle.

So auch zu besagtem Hort der Sauerei. Allerdings bog nun direkt vor mir ein schwarzer Audi A3 in dieselbe Seitenstraße ein. „Das ist sicher ein Anwohner, der wird direkt rechts ran fahren“, dachte ich mir ein. „Hm, nun biegt er auch noch links ab, ah, stimmt, da sind die Parkplätze umsonst. Clever… Aber wieso hält er denn nicht?“ Da ahnte ich, das der Gute gewissermaßen ein Bruder im Geiste war und nickte ihm anerkennend (und zugleich völlig sinnlos, weil von niemandem wahrnehmbar, erst recht nicht vom Adressaten) zu.

„Wieso braucht er denn jetzt so lange beim abbiegen, da kommt keiner, das seh ich doch von hier! Na endlich… Argh! Nun haben die grün bekommen. Ha! Ein Roller! Da pass ich zwischen rein.“ Also dem verbeulten alten Fiesta die Sporen gegeben und eingefädelt. Na bitte! Doch meine Freude währte nur kurz, als ich den Audi einige Wagen vor mir gerade eben noch über die auf rot springende Abbiegerampel brettern sah. Die Heckscheinwerfer warfen mir einen letzten schadenfrohen Blick zu und die Stoßstange grinste hämisch zum Abschied.

Zwischen Freund und Feind liegen manchmal nur 30 Sekunden. Oder eine Ampelphase.

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