Gedanken zur Popkomm-Absage

Ich habe gerade das Statement von Dieter Gorny zur Absage der alljährlichen Musikmesse bei der Süddeutschen gelesen (reißerische Überschrift inklusive). Das Resultat war eine Mischung aus Lachen und Kopfschütteln. Er sagt:

Die digitale Krise schlägt voll auf die Musikwirtschaft durch. Viele Unternehmen können es sich wegen des Diebstahls im Internet nicht mehr leisten, an der Popkomm teilzunehmen.

So so, die digitale Krise. Allein diese Formulierung zeigt schon, wie die Dieter Gornys dieser Welt das Medium Internet begreifen: Nicht etwa als Chance, als Ort, der eine Vielzahl neuer Möglichkeiten für die eigene Branche bietet, sondern als Bedrohung, die sie in ihrer Hoheitsstellung gefährdet und gegen die es sich mit allen Mitteln zu wehren gilt. Egal wie schwachsinnig und nutzlos diese auch sein mögen. Und weiter:

Die Großen können das noch wegstecken, die Kleinen aber nicht – und die sind mit 95 Prozent auf der Popkomm in der Mehrzahl.

Man möge mich korrigieren, aber haben nicht gerade viele Indie-Labels, jene „Kleinen“ also, die Zeichen der Zeit erkannt und setzen vermehrt auf neue Vermarktungs- und Distributionsmöglichkeiten im Internet? Sind nicht sie es, die den Internetnutzer als Musikliebhaber und potentiellen Kunden, statt als „Pirat“ und Raubkopierer wahrnehmen? Deren Angebot auf den Kunden zugeschnitten, qualitativ hochwertig und fair bepreist daher kommt, statt bevormundend, verkrüppelt und überteuert? Ich glaube schon.

Wir müssen Tempo machen. Unsere Entscheidung wird noch einmal die Diskussion ankurbeln. Wir brauchen jetzt eine klare Regelung gegen den Daten- und Musikklau im Netz. Wenn wir noch länger warten, stehen Arbeitsplätze auf dem Spiel und die kulturelle Vielfalt geht verloren.

Aha, da liegt also der Hund begraben, Arbeitsplätze sind in Gefahr! Nun, das wiederum liegt vermutlich weniger am „Daten- und Musikklau im Netz“, sondern vielmehr daran, dass besagte Arbeitsplätze durch das Netz schlicht überflüssig werden. Denn wenn Künstler dank neuer technologischer Möglichkeiten Dinge wie Werbung, Videodrehs und Vertrieb selbst übernehmen, wer braucht dann noch eine solch antiquierte Distributionsmaschinerie wie ein Plattenlabel?

Der größte Lacher dann zum Schluss: der prognostizierte Verlust der kulturellen Vielfalt. Hallo?! Die kulturelle Vielfalt war noch nie so ausgeprägt wie im hier und jetzt und zwar dank des bösen Internets. Die Zeiten, in denen Künstler, die nicht in den Charts waren und deren Lieder kein Radio Airplay bekamen, nur einem kleinen Personenkreis bekannt waren sind vorbei. Heutzutage hat jeder mit einem Internetzugang gleichzeitig auch Zugang zu einem nahezu unendlichen Reservoir an Musik und wird mit YouTube, MySpace, Hype Machine und Co sein eigener Programmchef. Egal ob 8-Bit-Electro aus Finnland, Folk aus Brasilien oder Speed Metal von der Elfenbeinküste.

2010 soll es wohl wieder eine Popkomm geben. Ob die dann noch jemand braucht wird sich zeigen.

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