The Social Network: Interviews mit Jesse Eisenberg, Justin Timberlake & Aaron Sorkin

Wie in meinem Review bereits erwähnt, sah ich „The Social Network“ im Rahmen einer Pressevorführung. Dies war deshalb der Fall, weil ich anschließend das spannende Vergnügen hatte, an je einem Roundtable-Interview zum Film mit Jesse Eisenberg, Justin Timberlake und Aaron Sorkin teilzunehmen. Das Ergebnis bekommt ihr nun hier zu lesen.

Jesse Eisenberg (spielt Mark Zuckerberg, Gründer und CEO von Facebook)
Jesse Eisenberg als Mark Zuckerberg
(Foto © Sony Pictures)

Jesse Eisenberg „feierte“ am Tag des Interviews seinen 27. Geburtstag. Er sprach unter anderem darüber, dass er den echten Mark Zuckerberg liebend gerne getroffen hätte und verteidigte dessen Verhalten im Film. Es wurde deutlich, dass er ein durchweg positives Bild des Facebook-Gründers hat und aufgrund der akribischen Vorbereitung auf die Rolle (er nahm z.B. sogar Fechtunterricht, weil Mark Zuckerberg fechtet) eine gewisse Verbundenheit mit ihm verspürt.

Cinematze: Hat der Gedanke daran, ob – und wenn ja, wie – deine Darstellung von Mark Zuckerberg im Film Konsequenzen für den echten Mark Zuckerberg haben könnte, deine Interpretation der Figur beeinflusst?

Jesse Eisenberg: Natürlich habe ich im Vorfeld darüber nachgedacht, aber es überwog stets das große Interesse an der Figur. Sollte Mark Zuckerberg sich tatsächlich darüber aufregen, so dachte ich mir, würde ich die Schuld an den Drehbuchautoren weiterreichen (grinst). Ich betrachtete es hauptsächlich so, als würde ich einen Charakter spielen und zwar einen wundervollen Charakter.

Er stellt allerdings auch heraus, wie sehr die Person Mark Zuckerberg im Film die Zuschauer zu polarisieren vermag: „Meine Mutter hat den Film gesehen und sagte mir, sie wollte mich danach zuerst ohrfeigen und anschließend in den Arm nehmen.“

Cinematze: Online wurde von einem Blog die Frage aufgeworfen, ob du mit deiner Darstellung des Mark Zuckerberg den Titel als „überzeugendster Nerd der Filmgeschichte“ verdienst? Was glaubst du, hast du ihn verdient?

Jesse Eisenberg: Falls das bedeutet, dass ich zur irgendeiner Preisverleihung gehen muss, dann nicht (Gelächter, denn zuvor ließ er uns wissen, wie unwohl er sich bei solchen Interviews oder auch bei Premierenfeiern fühlt, da er wie der von ihm portraitierte Mark Zuckerberg tatsächlich ein wenig „socially awkward“ sei, und es ihn frustriere, solche Veranstaltungen wahrnehmen zu müssen, wo er doch lieber nur arbeiten und kreativ sein würde). Aber im Ernst, es ist ein sehr differenzierter Charakter und ich ärgere mich über diese Art von Typisierung. Es ist ein Individuum und als solches wesentlich interessanter als eine Ein-Wort-Beschreibung. Wenn Leute den Film sehen, stellen sie schnell fest, dass Mark eine sehr komplizierte Person ist und nicht jemand, der einfach zu definiern ist.

Justin Timberlake (spielt Sean Parker, gemeinhin bekannt als Gründer von Napster)
Justin Timberlake als Sean Parker
(Foto © Sony Pictures)

Cinematze: Ich habe gelesen, du hast in einem anderen Interview gesagt, dass der Film das Publikum spalten könne, da es vieles gibt, was nach Verlassen des Kinos Anlass zur Diskussion bietet. Glaubst du, dass die Schaffung dieses Diskussionspotentials vielleicht sogar die bedeutendste Leistung des Filmes ist?

Justin Timberlake: Ich glaube, darauf hat Aaron (Sorkin) beim Schreiben des Drehbuchs gehofft: Die Tatsache, dass jeder Zuschauer nach dem Ende des Films einen anderen „Helden“ haben und somit der Anlass für diese Art von Diskussionen gegeben sein würde. Meine Freunde, mit denen ich den Film gesehen habe, waren in genau in der Mitte gespalten in der Frage, wer von den Charakteren nun im Recht und wer im Unrecht gewesen sei.

Cinematze: Haben die beiden Faktoren – zum einen, dass du von dir selbst sagst, du seist nicht besonders technikaffin und zum anderen die Tatsache, dass du mit Sean Parker eine Person verkörperst, die von vielen Leuten im Musikgeschäft, aus dem du ja auch stammst, als eine Art „Anti-Christ“ gesehen wird – deine Interpretation der Rolle in irgendeiner Form beeinflusst?

Justin Timberlake: Nicht im Geringsten. Man packt seine persönlichen Ansichten nicht in eine Rolle; man findet Wege, sich mit einer Rolle zu identifizieren. Ich habe diesen Charakter über einen langen Zeitraum verkörpert, und im Zuge der Charakterentwicklung verbrachte ich so viel Zeit damit, ihn zu verteidigen, dass ich Sympathie für Sean Parker empfinde, vermutlich mehr als irgendwer sonst.

In Bezug auf Sean Parker sagte er auch, dass er nicht glaube, eine einzelne Person sei für den Niedergang der Musikindustrie verantwortlich. Diese habe in seinen Augen die Zeichen der Zeit nicht, bzw. zu spät erkannt und trage deshalb zu einem gewissen Grad selbst die Schuld an ihrem eigenen Elend. Außerdem hätte er, sofern er nicht berühmt geworden wäre, mit 19 als „College-Kid“ vermutlich selbst Songs illegal aus dem Netz gezogen.

Cinematze: Ich habe ein interessantes Zitat in einer Rezension zum Film gelesen: „‚The Social Network‘ definiert eine Generation für eine Generation, die sich nicht weniger für ihre Generation interessieren könnte.“ Was hältst du davon?

Justin Timberlake: Das ist in der Tat ein interessantes Zitat. Ich denke, man wird einfach abwarten müssen. Ich weiß nicht, ob „The Social Network“ eine Generation definiert. Es geht zwar um etwas, das sich wie ein großer Teil dieser Generation anfühlt, doch Facebook ist mehr der Katalysator für einen tiefgründigeren Film, denn im tatsächlichen Film nimmt Facebook selbst keine zentrale Rolle ein. Wäre es nicht Facebook, wäre es irgendetwas anderes. Die vorherrschenden Themen wie Freundschaft, Verrat oder Macht hat es in Filmen stets gegeben.

Aaron Sorkin (Drehbuchautor von „The Social Network“)
Aaron Sorkin
(by thedemonhog [CC-BY-SA-3.0 or GFDL], from Wikimedia Commons)

Ich hatte verschiedene Fragen für Aaron Sorkin vorbereitet, am meisten interessierte mich seine Aussage „Socializing on the internet is to socializing, what reality TV is to reality“ von seinem Auftritt bei The Colbert Report. Er war allerdings so sehr im Promotion-Modus, dass ihn bereits die erste Frage dazu brachte, den Großteil der vorgesehenen Interviewzeit aufzubrauchen. Deshalb hier nun die interessantesten Auszüge aus seinen umfangreichen Ausführungen:

Aaron Sorkin zu der Frage, inwiefern der Film auf Fakten basiert:
„The Social Network“ ist ein nicht-fiktionaler Film, für den gründlich recherchiert wurde. Hierbei gab es drei Hauptkomponenten: Erstens verfügbare Ressourcen, etwa original Blog-Beiträge von Mark Zuckerberg oder Artikel aus der Harvard Campus-Zeitung. Zweitens haufenweise rechtliche Dokumente, die ich mit Hilfe von Anwälten durchgegangen bin. Drittens – und das war am wichtigsten – die First-Person-Recherche, bei der ich direkt mit verschiedenen involvierten Personen sprach, von denen ich jedoch den meisten Anonymität zusichern musste.

Aaron Sorkin zur Erzählstruktur und Genreeinordnung des Films:
Es handelt sich um eine wahre Geschichte, genauer gesagt um drei Versionen einer wahren Geschichte. Anstatt uns eine Version der Wahrheit auszusuchen, gefiel uns die Vorstellungen von drei verschiedenen, sich zum Teil widersprechenden Varianten. Und mit einer Entschuldigung an Kurosawa: Ich sah eine Möglichkeit für „Rashômon“.
Der Film lässt sich nicht besonders einfach einem Genre zuordnen. Die größte Nähe weist er zum Gerichtsdrama auf, bei dem wir immer mit einer absoluten Überzeugung von Schuld oder Unschuld eines Charakters beginnen und unsere Meinung im Verlauf des Films fünf mal ändern.

Aaron Sorkin zum Einwurf, dass die Tatsache der verschiedenen Wahrheiten doch einen gewissen Grad der Fiktion bedinge, da die eine Wahrheit ja nicht bekannt sei:
Alle dieser Wahrheiten sind insofern wahr, dass sie von den verschiedenen Personen in exakt dieser Form unter Eid in den Verhandlungszimmern erzählt wurden. Wir haben diese Fakten genau so präsentiert. Es wurde für den Film nichts erfunden, um ihn zu sensationalisieren oder zu hollywoodisieren. Das letzte jedoch, was ich verleugnen würde, ist, dass es sich bei dem Film um ein Kunstwerk handelt. Jedes mal wenn man einen Film sieht, der mit den Worten „Das folgende ist eine wahre Geschichte“ beginnt, sollte man ihn auf die selbe Weise betrachten, wie man ein Gemälde betrachten würde und nicht wie ein Foto. Es gibt dabei stets einen Satz verfügbarer Fakten mit dem Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler arbeiten können. Ein Film und eine Dokumentation sind nicht dasselbe, und „The Social Network“ ist ein Film – aber eben ein nicht-fiktionaler Film.

Nächster in Artikel

Vorheriger in Artikel

Antworten