Review-Adventskalender #6: 50/50

Cinematze Review-Adventskalender #6

50/50„If you were a casino game, you would have the best odds.“

Gestern war Nikolaus und zu diesem Anlass gibt es ein besonders großes Türchen: Das Review zu „50/50“ von Jonathan Levine, dem zweitbesten Film, den ich in diesem Jahr sah und der bezeichnenderweise noch nicht einmal einen Starttermin für Deutschland hat. In solchen Fällen macht es sich bezahlt, nahe der französischen Grenze zu wohnen und auch schon mal nach Strasbourg ins Kino fahren zu können. Levine dürfte hierzulande den wenigsten bekannt sein, was Schade ist, gehen doch der unterschätzte Teenie-Slasher „All The Boys Love Mandy Lane“ und die großartige 90s Hommage „The Wackness“ auf sein Konto. Vielleicht ändert sich dies mit „50/50“, denn viele sehen den Film als Geheimtipp für die ein oder andere Oscar-Nominierung. Ich wüsste auch gleich drei Kategorien, in denen er es ohne Frage verdient hätte.

Eine detaillierte Inhaltsangabe spare ich mir dieses Mal, man muss eigentlich nur wissen, dass der Film von einem Endzwanziger namens Adam handelt, der unerwartet mit Krebs diagnostiziert wird und diesen Schicksalsschlag gemeinsam mit seinem besten Freund Kyle zu bewältigen versucht. Nun mag der ein oder andere an dieser Stelle vielleicht denken, dass eine Komödie über einen Typen mit Krebs, in der auch noch der für seinen derben Klamauk bekannte Seth Rogen mitspielt, von vornherein zum Scheitern verurteilt sein muss. Ich kann Zweiflern jedoch versichern, dass eine solche Annahme zwar durchaus legitim, jedoch völlig unbegründet ist. „50/50“ umschifft gekonnt sämtliche potentiellen Fettnäpfchen seines ernsten Sujets und ist zu keinem Zeitpunkt unangemessen albern, überbordend kitschig oder gar geschmacklos. In erster ist es ein Film mit sehr viel Herz und Ehrlichkeit, was der Zuschauer über die gesamte Laufzeit zu spüren bekommt.

Ein Umstand, der nicht von ungefähr kommt, denn „50/50“ ist für einige der Beteiligten auch eine persönliche Herzensangelegenheit: Er basiert auf den Erfahrungen des Drehbuchautors Will Reiser, der seinen eigenen Kampf gegen den Krebs auf diese Weise verarbeitete. Seth Rogen ist im wahren Leben ein enger Freund Reisers, weshalb er sich quasi mehr oder weniger selbst spielt (und in meinen Augen die beste Leistung seiner bisherigen Karriere zeigt). In weiteren Nebenrollen glänzen Anjelica Huston, deren betontes Overacting perfekt zu Adams überbesorgter Mutter passt, sowie die stets bezaubernde Anna Kendrick als seine erst 24-jährige Psychologin. Den größten Anteil am Gelingen des Films hat jedoch Joseph Gordon-Levitt, der seinen Status als einer der besten und vielseitigsten Schauspieler seiner Generation eindrucksvoll untermauert. Scheinbar mühelos und oftmals nur durch eine subtile Änderung seiner Mimik, verleiht er Adam die nötige Komplexität eines Charakters, der sich auf einer emotionalen Achterbahnfahrt befindet, wobei Levitt bei jedem dieser höchst unterschiedlichen Gefühlszustände stets den Nagel auf den Kopf trifft.

Dies trägt dazu bei, dass statt der Krankheit vielmehr die Person Adam im Vordergrund steht: „50/50“ ist keine Geschichte über Krebs, sondern eine Geschichte über einen liebenswerten, normalen jungen Mann, der an Krebs erkrankt ist und über die Art und Weise, wie er und sein Umfeld mit dieser Tatsache umgehen. Dabei meistert der Film mit Bravour der Spagat zwischen Drama und Komödie, was vornehmlich den sorgfältig ausgearbeiteten Charakteren gepaart mit den hervorragenden schauspielerischen Leistungen geschuldet ist. So, liebe Academy, und nun bitte Oscar-Nominierungen für Anna Kendrick als beste Nebendarstellerin, für Joseph Gordon-Levitt als bester Hauptdarsteller und natürlich für „50/50“ als bester Film. Danke.

Rating: ★★★★★★★★★½ 

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