Review-Adventskalender #9: Super

Cinematze Review-Adventskalender #9

Super„Shut up, crime!“

„Special“, „Watchmen“, „Defendor“, „Kick-Ass“ – An Filmen mit selbsternannten Superhelden mangelte es in den vergangenen Jahren wahrlich nicht. „Super“ von James Gunn, der seine ersten Erfahrungen im Filmgeschäft bei Troma Entertainment sammelte, reiht sich ebenfalls in dieses Subgenre ein und war der beste Film, den ich auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest sah (sowie der drittbeste des Jahres insgesamt). Irgendwo zwischen bitterböser schwarzer Komödie, Satire und Drama angesiedelt, weckt der Film in seinen besten Momenten sogar Erinnerungen an Martin Scorseses legendären „Taxi Driver“, und ich frage mich, wie Travis Bickle wohl im selbstgeschneiderten Superheldenkostüm ausgesehen hätte…

Der bemitleidenswerte Loser Frank D’Arbo hatte laut eigener Aussage erst zwei perfekte Momente in seinem Leben: Als er einem Polizisten den Fluchtweg eines Verbrechers mitteilen konnte und der Tag, an dem er sich mit seiner attraktiven Frau Sarah – einer ehemaligen Drogenabhängigen – vermählte. Als diese wieder in den Drogensumpf abrutscht und ihn für den schmierigen Dealer und Strip-Club-Besitzer Jacques verlässt (bzw. ihm seiner Ansicht nach von diesem gestohlen wird), brennt bei ihm so manche Sicherung durch. Nach einer ersten Phase des Selbstmitleids reift in ihm – beeinflusst von der bizarren Figur des „Holy Avenger“ eines christlichen TV-Senders – der absurde Gedanke, Gott höchstpersönlich habe ihn auserwählt, um als Superheld „Crimson Bolt“ das Böse zu bekämpfen. Unterstützung erhält er dabei von der nicht minder durchgeknallten Comic-Verkäuferin Libby, die sich ihm als Sidekick „Boltie“ aufdrängt.

Wer aufgrund dieser Beschreibung nun lediglich eine weitere Selfmade-Superhelden-Komödie für Nerds erwartet, der liegt zumindest teilweise daneben. Zwar kommt der Humor nicht zur kurz, doch „Super“ wechselt während seiner anderthalb Stunden allzu oft die Richtung, um sich abschließend auf ein Genre festnageln zu lassen. In einem Moment haben wir Mitleid mit dem gebeutelten Frank, im nächsten amüsieren wir uns darüber, wie er mit einer Rohrzange auf Drängler an der Kinokasse losgeht, doch das Lachen bleibt uns noch in der selben Szene im Halse stecken, ob der Brutalität und ungeschönten Gewalt, mit welcher dies filmisch eingefangen wird. Im Gegensatz zum ebenfalls nicht gerade zimperlichen „Kick-Ass“ wird hier der Härtegrad noch weiter in die Höhe geschraubt, da dem Film das comichaft Überzeichnete nahezu gänzlich abgeht, was zu einem deutlich düstereren Ergebnis führt.

Ein großes Kompliment muss man neben Rainn Wilson, der die Wandlung des Protagonisten vom liebenswürdigen Loser zum gewalttätigen Selbstjustizler mit verzerrter Realitätswahrnehmung (sicherlich keine leichte Aufgabe) glaubhaft vermittelt, vor allem Ellen Page machen. Diese hat sichtlich Freude daran, aus ihrer Juno-Persona auszubrechen und mimt Libby/Boltie als ausgewachsene Psychopathin, die sogar noch verrückter und skrupelloser zu sein scheint, als der verblendete Frank. Gepaart mit seinem betonten Realismus dekonstruiert „Super“ anhand dieser beiden Spinner die romantische Vorstellung des Superheldentums, indem er aufzeigt, wie grotesk die Vorstellung ist, ein prägnanter Spitzname, ein schlecht genähtes Kostüm und ein ausgeprägter Hang zu als Wohltätigkeit missverstandener Soziopathie würden in der Summe zu weltverbesserischen Aktivitäten befähigen.

Gunn selbst sagt von „Super“, dass er das Drehbuch von Beginn an als „arthouse/grindhouse film“ sah und das Endprodukt als “fucked-up, low-rent Watchmen”. Kann man so stehen lassen, denke ich. Ganz nebenbei kann der Film auch noch mit der besten Titelsequenz des Jahres punkten, die ich euch an dieser Stelle nicht vorenthalten möchte:

Rating: ★★★★★★★★★½ 

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