Review: Argo (2012, dir. Ben Affleck)

Argo

„Argo fuck yourself!“

Hach ja, Ben Affleck. Einige denken bei diesen Namen womöglich an einen mäßig begabten Schauspieler mit einem miesen Händchen für die Auswahl seiner Rollen. Verdenken könnte man es niemandem, schließlich war Affleck bei den Razzie-Awards 2010 in der Kategorie “Worst Actor of the Decade” nominiert (musste sich hier allerdings Eddie Murphy geschlagen geben). Ich hingegen halte seit jeher äußert viel von ihm – spielt er doch die Hauptrolle in Chasing Amy, einem meiner erklärten Lieblingsfilme – weshalb ich selbst zu “Bennifer” und “Jersey Girl” Zeiten nichts auf ihn kommen ließ (und bis heute nicht müde werde, in Diskussionen die guten Punkte an “Daredevil” aufzuzeigen, was fraglos keine einfache Aufgabe ist).

Hier ein Fakt, der erstaunlicherweise oft unbekannt ist: der gute Mann ist ein waschechter Oscar-Gewinner (okay, und Razzie-Gewinner, unter anderem für besagten “Daredevil”, aber lassen wir das…). Die goldene Statue gab es jedoch nicht für sein Schaffen vor der Kamera, sondern für das Drehbuch zu “Good Will Hunting”, welches er gemeinsam mit Buddy Matt Damon schrieb. Dieser Erfolg im Jahre 1998 erscheint aus heutiger Sicht wie ein Vorbote für Afflecks eigentliche Berufung, die offenbar neben und hinter der Kamera liegt (eine These, die der vor wenigen Tagen erhaltene Golden Globe für die beste Regie untermauern dürfte). Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, hat es lediglich ein Jahrzehnt gespickt mit Action-Blockbustern und Hollywood Rom-Coms gebraucht. Da gibt es nun wirklich Schlimmeres.

Nach dem grandiosen “Gone Baby Gone” sowie dem immer noch nicht gesichteten “The Town” nun also “Argo”, bei dem der 40-jährige erstmals als Regisseur tätig wurde ohne zugleich auch für das Drehbuch verantwortlich gewesen zu sein. Eine einzige Aufgabe scheint Affleck jedoch nicht auszulasten, weshalb er prompt noch die Hauptrolle übernahm. Als CIA-Agent Tony Mendez liefert er hier eine durchaus solide Leistung ab, muss sich allerdings seinen Kollegen Bryan Cranston, John Goodman und Alan Arkin geschlagen geben.
Dass die Story des Polit-Thrillers auf einer wahren Begebenheit beruht, mag man angesichts ihrer Hanebüchenheit kaum glauben: Während der Geiselnahme von Teheran wurden sechs US-Diplomaten, denen zuvor die Flucht während der Erstürmung der Botschaft gelungen war, von der CIA mit Hilfe Kanadas unter dem Vorwand des Drehs eines Science-Fiction-Films (sic!) aus dem Iran geschleust. Diese wahnwitzig anmutende Befreiungsaktion, die als Canadian Caper in die Geschichtsbücher einging, bildet die Grundlage für Ben Afflecks neuesten Regie-Streich und auch der Name “Argo” ist in der Realität verankert, denn eben so lautete der Titel der damaligen Sci-Fi-Scheinproduktion.

Afflecks größte Leistung liegt gewiss darin, aller Absurdität der Vorlage zum Trotz, einen erstklassigen, straighten Polit-Thriller auf die Leinwand gebracht zu haben, der die Geschehnisse zu keinem Zeitpunkt unnötig satirisch überspitzt. Zwar finden sich neben Drama und Spannung stets auch humorvolle Passagen wieder, diese wirken jedoch nie forciert oder unangebracht (was nicht zuletzt dem bereits erwähnten starken Auftritt des Duos Arkin/Goodman geschuldet ist). Ebenfalls bemerkenswert: “Argo” ist stellenweise rasant wie ein Action-Film, kommt jedoch quasi gänzlich ohne ebendiese aus. Da werden Basarbesuche und Passkontrollen schon mal zu nervenaufreibenden Angelegenheiten, was die tatsächlichen Ereignisse sicherlich stark pointiert und auch an manch anderer Stelle weicht der Film – mal mehr, mal weniger – von der Realität ab. Dies würde ich jedoch unter künstlerischer Freiheit verbuchen wollen, schließlich ist das ganze keine Tatsachendokumentation und wer sich ernsthaft für die Hintergründe interessiert, wird sich gewiss noch anderweitig informieren.

Ein vielerorts genannter Kritikpunkt sind die vermeintlich xenophoben Tendenzen des Films. Ähnlich wie bei der Showtime-Serie “Homeland”, die sich ebenfalls des Öfteren mit diesem Vorwurf konfrontiert sieht, trifft es zwar durchaus zu, dass ein gewisses Schwarz-Weiß-Denken – USA yay, Iran bzw. Muslime nay – dominiert und die wenigen Grautöne eher plump anmuten, doch in beiden Fällen stelle ich mir die Frage, ob man dem mündigen Zuschauer tatsächlich einen ständigen Reminder à la “sehr her, die sind nicht alle böse!” aufzwängen muss und ob der unmündige Zuschauer eine subtilere Differenzierung überhaupt also solche wahrnehmen würde. Nicht abstreiten lässt sich jedoch, dass man diese heikle und komplexe Thematik ein wenig eleganter hätte lösen können (die für mich unnötigste Szene des gesamten Films, abgesehen vom belanglosen Nebenplot um die Eheprobleme des Protagonisten: die überbordend plakative Taxifahrt vorbei am rege besuchten KFC auf der einen und einem aufgeknüpften Mann auf der anderen Straßenseite.

Fazit: Ben Affleck macht mit Regiearbeit Nummer drei fast alles richtig und “Argo” findet sich zu Recht auf zahlreichen Bestenlisten von 2012 wieder.

Rating: ★★★★½ 

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